Einen Duft bewahren: Die Gestaltung jüdischer Gewürzbehälter
Von durchbrochenen Türmen bis zu einem silbernen Fisch mit Scharnier verbinden Hawdala-Gewürzbehälter Form, Handhabung und Duft innerhalb einer bestimmten rituellen Tradition.
Ein Behälter hält seinen Inhalt gewöhnlich von der umgebenden Welt getrennt. Ein bei der Hawdala verwendeter Gewürzbehälter hat eine speziellere Aufgabe: Er bewahrt aromatisches Material auf und lässt zugleich dessen Duft wahrnehmbar werden. Dadurch erhalten Öffnungen, Deckel und das Verhältnis zur Hand eine ungewöhnliche Bedeutung. Die in Museumssammlungen bewahrten Silbertürme und Tierformen sind reizvolle kleine Objekte, doch ihre Gestaltung wird verständlicher, wenn man sich ihnen über das jüdische Ritual nähert, für das sie geschaffen wurden.

Fischförmiger Gewürzbehälter (Besamim), 1813. Seitenansicht. Erwerbung, Schenkung von Manda und Albert Kalimian zu Ehren von Sabrina und Daniel Kalimian, 2025. The Metropolitan Museum of Art. Gemeinfrei, CC0. Sammlung · CC0 · Bildrichtlinien
Fünf echte Museumsfotografien untersuchen einen Wiener fischförmigen Gewürzbehälter von 1813. Seine Gesamtform, der mit einem Scharnier befestigte Kopf, die hebräischen Buchstaben und die Silberoberfläche lassen sich aus einander ergänzenden Blickwinkeln lesen.
Die Hawdala markiert das Ende des Schabbats und den Übergang zur kommenden Woche. Museumsdarstellungen beschreiben Segenssprüche unter Verwendung von Wein, einer Kerze und duftenden Gewürzen; der Duft spendet Trost, wenn der Sabbat endet. Ein Behälter kann unter den Teilnehmenden zum Riechen weitergereicht werden. Diese Objekte gehören somit zu einer Praxis heiliger Zeit und gemeinschaftlichen Handelns. Ihr Duft ist nicht einfach ein Raumduft, und ihre visuelle Anziehungskraft sollte sie nicht von dem religiösen Kontext lösen, der ihrem Gebrauch Bedeutung gibt.

Fischförmiger Gewürzbehälter (Besamim), 1813. Schrägansicht desselben Fisches; nicht der Turm des Jewish Museum. Erwerbung, Schenkung von Manda und Albert Kalimian zu Ehren von Sabrina und Daniel Kalimian, 2025. The Metropolitan Museum of Art. Gemeinfrei, CC0. Sammlung · CC0 · Bildrichtlinien
Das Jewish Museum in New York besitzt einen Silberturm, datiert auf etwa 1550, mit Reparaturen und Ergänzungen, die 1650–51 zugeordnet werden. Sein Katalog verortet die Herstellung vorläufig in Frankfurt am Main. Vier architektonische Geschosse enthalten fensterförmige Öffnungen, während eine Spitze und kleine Türmchen den oberen Abschluss bilden. Das Museum setzt seine Form in Beziehung zu architektonischen Metallarbeiten der Zeit und schlägt einen Zusammenhang mit den Turmformen von Räuchergefäßen vor. Dies bleibt eine historische Deutung und ist kein Beweis für einen einzigen Ursprung aller Gewürztürme.
Eine Öffnung mit zwei Aufgaben
An diesem Objekt erfüllt eine Öffnung zwei Aufgaben zugleich. Sie trägt zur Miniaturarchitektur bei und unterbricht die metallene Hülle. Derselbe Hohlraum lässt sich als Fenster oder als Teil der Beziehung des Gefäßes zur Luft lesen. Diese doppelte Lesart ist der zentrale gestalterische Reiz: Konstruktion und Darstellung treffen in einem sehr kleinen Merkmal zusammen. Eine Turmform gibt dem Auge außerdem mehrere Stationen vom Sockel über die Kammer bis zur Spitze und verwandelt ein handgehaltenes Ritualobjekt in eine architektonische Folge.
Ein Wiener Gewürzbehälter von 1813 im Metropolitan Museum of Art nimmt die Form eines Fisches an. Er besteht aus Silber und mit Folie hinterlegtem Glas und ist vierunddreißig Zentimeter lang. Der Kopf ist mit einem Scharnier befestigt; beim Öffnen werden hebräische Buchstaben sichtbar, die die Zehn Gebote bezeichnen. Das Met merkt an, dass fischförmige Gewürzbehälter in den jüdischen Gemeinden Österreichs, Polens, Russlands und Deutschlands vorkommen. Das Beispiel gehört somit zu einem dokumentierten regionalen Formenvokabular und ist keine Erlaubnis, jedem fischförmigen Gefäß eine universelle Symbolik zuzuschreiben.

Fischförmiger Gewürzbehälter (Besamim), 1813. Geöffneter Kopf mit hebräischen Buchstaben, die die Zehn Gebote bezeichnen. Erwerbung, Schenkung von Manda und Albert Kalimian zu Ehren von Sabrina und Daniel Kalimian, 2025. The Metropolitan Museum of Art. Gemeinfrei, CC0. Sammlung · CC0 · Bildrichtlinien
Hier wird die Zugangsstelle zu einem anatomischen Gelenk. Eine Naht zwischen Kopf und Körper bietet Platz für das Scharnier, sodass eine vom Behälter erforderte Handlung in das dargestellte Wesen eingebaut wird. Der Wechsel vom Turm zum Fisch verändert auch die vorherrschende Achse des Objekts von aufrecht zu waagerecht. Diese Unterschiede laden dazu ein, darauf zu achten, wie ein Objekt gehalten wird und wie man sich ihm nähert, ohne anzunehmen, dass jeder Haushalt einer identischen Choreografie folgte. Die Form kann eine Begegnung prägen, selbst wenn die genaue Geschichte der Handhabung nicht überliefert ist.

Fischförmiger Gewürzbehälter (Besamim), 1813. Derselbe Fisch mit geöffnetem Kopf. Erwerbung, Schenkung von Manda und Albert Kalimian zu Ehren von Sabrina und Daniel Kalimian, 2025. The Metropolitan Museum of Art. Gemeinfrei, CC0. Sammlung · CC0 · Bildrichtlinien
Eine um die Hand geformte Gestalt
Das North Carolina Museum of Art bietet mit Iris Tutnauers Gewürzbehälter, 1998 entworfen und 2014 gefertigt, einen späteren Vergleich. Dünne Silberblätter formen eine von gewölbten Händen inspirierte Hülse. Das Museum beschreibt bewegliche Elemente, die das Einlegen von Gewürzen ermöglichen, und erklärt das Verhältnis zwischen der Wärme der Hände und der Freisetzung von Duft. Der Eintrag hält auch fest, dass dieses konkrete Objekt nicht in einer Hawdala-Zeremonie verwendet wurde. Entworfene rituelle Funktion und dokumentierter Gebrauch sind unterschiedliche Arten von Belegen.
Der Vergleich ist aufschlussreich, weil das neuere Objekt die Hand zur Grundlage seines Umrisses macht, während sich die historischen Beispiele auf ein Gebäude und ein Tier beziehen. Alle lassen sich anhand von Umhüllung, Zugang und der Bewegung des Duftes betrachten. Ihre Bildsprachen unterscheiden sich, ohne dass dadurch eines authentischer funktional wäre als ein anderes. Aufwendige Darstellung muss dem Gebrauch nicht im Wege stehen, und eine zurückhaltende Oberfläche belegt für sich genommen keine engere Beziehung zum Ritual. Solche Urteile würden übersehen, wie Bedeutung und Funktion nebeneinander bestehen.

Fischförmiger Gewürzbehälter (Besamim), 1813. Detail desselben Fisches; historischer Vergleich mit Tutnauers silberner Hülse. Erwerbung, Schenkung von Manda und Albert Kalimian zu Ehren von Sabrina und Daniel Kalimian, 2025. The Metropolitan Museum of Art. Gemeinfrei, CC0. Sammlung · CC0 · Bildrichtlinien
Eine Museumsfotografie kann den Duft nicht vermitteln, den diese Gefäße anbieten sollten. Sie kann die Aufmerksamkeit jedoch auf die Merkmale lenken, die Duft zum Teil eines Objekts machen: die Kammer, die Öffnung, den aufklappbaren Kopf, den Raum zwischen Silberblättern. Zusammen mit ihrem kulturellen Kontext gelesen zeigen diese Merkmale, wie Gestaltung mehrere Sinne anspricht. Der Gewürzbehälter hält etwas Vorübergehendes in einer dauerhaften Form fest und gibt einem aromatischen Moment ein Objekt, durch das er geteilt werden kann.


























































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