Paniers und die Geometrie unter dem Rock
Paniers formten die Kleidung des achtzehnten Jahrhunderts durch Breite, Tiefe und sorgfältig platzierte Stützen. Ein Scharnier zeigt, wie diese Geometrie auf den bewegten Körper traf.
Ein breiter Rock ist von vorn leicht zu erkennen. Dreht man ihn zur Seite, erscheint eine interessantere Gestaltungsaufgabe. Die Breite eines Paniers aus dem achtzehnten Jahrhundert musste sich nicht gleichmäßig um den Körper fortsetzen. Seine Stützkonstruktion konnte weit zu beiden Seiten ausgreifen und von vorn nach hinten vergleichsweise flach bleiben. Diese ungleiche Verteilung von Raum gibt dem Kleidungsstück mehr als eine Silhouette. Die Vorderansicht verkündet Breite; das Profil zeigt, wie gezielt diese Breite konstruiert wurde.

Hofkleid, britisch, um 1750. Vorderansicht. The Metropolitan Museum of Art. Erwerbung aus dem Vermächtnis von Irene Lewisohn, 1965. Gemeinfrei (CC0). Sammlung · CC0 · Bildrichtlinien
Zehn Museumsfotografien vergleichen die Stützkonstruktion unter einem Rock mit Vorder-, Rück- und Seitenansichten sowie Textildetails historischer Kleider. Einander ergänzende Ansichten zeigen, wie sich die Breite eines Kleidungsstücks mit dem Blickwinkel verändert.

Hofkleid, britisch, um 1750. Seitenansicht desselben blauen Hofkleides. The Metropolitan Museum of Art. Erwerbung aus dem Vermächtnis von Irene Lewisohn, 1965. Gemeinfrei (CC0). Sammlung · CC0 · Bildrichtlinien
Der britische kurze Reifrock des Metropolitan Museum of Art, datiert auf etwa 1750, macht diese Anordnung ungewöhnlich deutlich. Aus Leinen und Rohr gefertigt, sitzt er als breite, überzogene Konstruktion um die Hüften. Das Museum merkt an, dass das von ihm gestützte Kleid im Profil schmaler ausgesehen hätte und dass seine Trägerin sich seitwärts hätte drehen müssen, um durch eine Tür zu gelangen. Ein Richtungswechsel veränderte somit das Verhältnis des Kleidungsstücks zum Raum. Der Rock musste als ein sich durch den Raum bewegendes Volumen verstanden werden und nicht als ein einziger Umriss.

Kurzer Reifrock, britisch, um 1750. The Metropolitan Museum of Art. Erwerbung aus dem Vermächtnis von Irene Lewisohn, 1973. Gemeinfrei (CC0). Sammlung · CC0 · Bildrichtlinien
Ein erhaltener englischer Reifunterrock im Los Angeles County Museum of Art, datiert auf 1750–1780, liefert messbare Belege. Das Museum verzeichnet Leinen in Leinwandbindung und Rohr sowie eine Breite von 137,16 Zentimetern und eine Tiefe von 46,99 Zentimetern. Diese Maße beschreiben eine deutlich längliche Grundfläche. Das LACMA erklärt, dass die ausgedehnte Form kostbare Textilien stützte und zur Schau stellte und zugleich ein langes, schlankes, durch ein Korsett geformtes Oberteil betonte. Gestalterisch beruht der Kontrast auf Beziehungen: Verändert sich die scheinbare Breite darunter, verändert sich auch, wie schmal die Taille darüber wirkt, noch bevor der Betrachter das Oberteil selbst studiert.

Hofkleid, britisch, um 1750. Vergleich in Dreiviertelansicht; nicht der vermessene Reifunterrock des LACMA. The Metropolitan Museum of Art. Erwerbung aus dem Vermächtnis von Irene Lewisohn, 1965. Gemeinfrei (CC0). Sammlung · CC0 · Bildrichtlinien
Stoff, Rohr und Bewegung
Stoff und Rohr teilen sich die Arbeit. Das Rohr beschreibt die größeren Kurven, während der Stoff sie verbindet und bedeckt. Das Auge kann die horizontalen Bänder unter dem Textil dennoch erkennen und eine Folge von Ebenen statt einer undifferenzierten Masse lesen. Ein über eine solche Konstruktion gelegter Rock übernimmt einen Teil dieser Organisation. Seine Oberfläche besitzt Bereiche, die nach außen verlaufen, Bereiche, die sich nach unten wenden, und Bereiche, die zwischen Stützen hängen. Das Untergewand schafft die Bedingungen, unter denen das äußere Textil eine Form annehmen kann.

Hofkleid, britisch, um 1750. Rückansicht desselben blauen Hofkleides; die Unterkonstruktion ist verdeckt. The Metropolitan Museum of Art. Erwerbung aus dem Vermächtnis von Irene Lewisohn, 1965. Gemeinfrei (CC0). Sammlung · CC0 · Bildrichtlinien

Robe à la française, britisch, um 1760. Rückansicht des eigenständigen Vergleichskleides; seine Unterkonstruktion ist verdeckt. The Metropolitan Museum of Art. Erwerbung aus den Fonds von Arlene Cooper und Polaire Weissman, 1996. Gemeinfrei (CC0). Sammlung · CC0 · Bildrichtlinien
Die französischen Paniers des Met von 1760–70 machen einen weiteren Teil des Systems sichtbar. Der Katalog nennt Seide, Rohr und Metall und identifiziert Scharniere, durch die sich die Reifen anheben ließen, wenn die Trägerin auf eine Engstelle traf. Auf der Museumsfotografie ragt das freiliegende, rot überzogene Gerüst zu beiden Seiten der Schaufensterfigur hervor. Dieses Objekt ist besonders aufschlussreich, weil die Verstellbarkeit in die Konstruktion eingebaut ist. Die Form konnte für die Präsentation beibehalten und dann verändert werden, um ein praktisches Hindernis zu bewältigen. Ein Gelenk wird zum Treffpunkt zwischen der gewünschten Silhouette und einem unpassenden Raum.

Paniers, französisch, 1760–70. Exemplar mit Scharnieren. The Metropolitan Museum of Art. Erwerbung aus Schenkungen der Friends of The Costume Institute, 2008. Gemeinfrei (CC0). Sammlung · CC0 · Bildrichtlinien
Dieses Gelenk macht jede Lesart von Paniers als vollkommen statischer Architektur komplizierter. Das Museum merkt auch an, dass elegante Bewegung in diesen Unterkonstruktionen eine erlernte Fertigkeit war, die mit hohem gesellschaftlichem Rang verbunden wurde. Aus gestalterischer Sicht war die Trägerin Teil des Vorgangs: Drehen, Anheben und das Einschätzen von Durchgangsbreiten halfen, das Objekt zu benutzen. Das Exemplar mit Scharnieren beweist nicht, dass jedes Panier so funktionierte. Es zeigt, wie eine erhaltene Lösung Bewegung einbezog, ohne die Breite aufzugeben, die das Kleidungsstück unverwechselbar machte.

Robe à la française, britisch, um 1760. Weniger extremes Vergleichskleid; seine Unterkonstruktion ist nicht belegt. The Metropolitan Museum of Art. Erwerbung aus den Fonds von Arlene Cooper und Polaire Weissman, 1996. Gemeinfrei (CC0). Sammlung · CC0 · Bildrichtlinien
Was das äußere Kleidungsstück erkennen lässt
Ein Obergewand vervollständigt das Bild. Das britische Hofkleid des Met von etwa 1750 aus Seide und Metallfäden zeigt eine breite Fläche unter einem kompakten Oberteil. Sein ausladender Rock gibt dem Ornament Raum, über den Körper hinweg lesbar zu werden, und macht damit die darunterliegende Stütze bedeutsam für die Oberfläche darüber. Auf einer Fotografie kann floraler Schmuck beinahe bildhaft erscheinen, wenn der Stoff dem Betrachter zugewandt ist; Falten unterbrechen diese Lesart, sobald sich das Material abwendet. Breite ist somit auch eine Art, das Sichtbare anzuordnen.

Hofkleid, britisch, um 1750. Detail des Oberteils desselben blauen Hofkleides. The Metropolitan Museum of Art. Erwerbung aus dem Vermächtnis von Irene Lewisohn, 1965. Gemeinfrei (CC0). Sammlung · CC0 · Bildrichtlinien

Robe à la française, britisch, um 1760. Vorderansicht des eigenständigen, weniger extremen Vergleichskleides. The Metropolitan Museum of Art. Erwerbung aus den Fonds von Arlene Cooper und Polaire Weissman, 1996. Gemeinfrei (CC0). Sammlung · CC0 · Bildrichtlinien
Diese Objekte laden zu einer langsameren Betrachtung historischer Kleidung ein. Beginnen Sie mit der Grundfläche, folgen Sie dann den Stützen und untersuchen Sie schließlich den Stoff, den sie tragen. Die in einer Museumsinstallation festgehaltene Form ist ein wertvoller Beleg, bleibt aber die Präsentation eines Kleidungsstücks, das sich mit einem Menschen bewegen sollte. Der kurze Reifrock, der tiefe überzogene Unterrock und das seitliche Gerüst mit Scharnieren legen verschiedene Wege offen, diese Bewegung zu koordinieren. Paniers erzeugten Proportion durch eine präzise Verteilung von Raum, und ihre aufschlussreichsten Details liegen oft unter der Oberfläche, die zuerst ins Auge fällt.


























































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