
The Lattice | Zhishan Residences von Neri&Hu: Taipehs urbaner Rhythmus
Im Taipeher Viertel Zhishan entwickelt The Lattice von Neri&Hu eine Wohnidentität, die im wandelbaren architektonischen Charakter der Stadt verankert ist. Das Apartmentprojekt gehört zu Tianmu, einem Gebiet mit internationalen Schulen, niedrigen Arkadenbauten und einem gemächlicheren Wohnrhythmus. Statt eine historische Fassade nachzuahmen, übersetzten die Architekten vertraute taiwanische Fenstergitter in ein neues visuelles System, das die Präzision einer modernen Struktur mit der Intimität des älteren Straßenbilds verbindet.

Ein zurückhaltendes Steinraster
Ein regelmäßiges Muster aus mit hellgrauem Stein verkleideten Stützen und Trägern bestimmt das Gebäude. Dieses klare Raster bildet die übergeordnete Struktur, während die Baukörperkanten unterschiedlich auf das Grundstück reagieren: Die nördliche Ecke bleibt streng rechtwinklig, der südliche Grundriss wird durch eine Sägezahnfolge aufgelockert. So entsteht ein Äußeres, dessen scheinbare Einfachheit auf fein abgestimmten Proportionen beruht.

In den Öffnungen des Tragwerks nehmen kupferfarbene Metallschirme die Form umgekehrter Kettenlinienbögen an. Ihre Kurven filtern die Blicke auf Balkone und dahinterliegende Verglasungen. An älteren Gebäuden Taiwans sitzen häufig metallene „Blumengitter“ vor den Fenstern; Neri&Hu vergrößert dieses vertraute Element zu einem zeitgenössischen Muster für das gesamte Gebäude. Der Kontrast zwischen kühlem linearem Rahmen und warmen geschwungenen Schirmen prägt das Projekt.

Eintreten durch einen architektonischen Bogen
Die gemeinschaftlichen Innenräume beginnen in einer zweigeschossigen Bogenhalle, ausgekleidet mit warmgrauem Terrazzo. Der bewusst großzügige Bogen führt eine andere Geometrie ein als die rechtwinklige Steinfassade. Terrazzo setzt sich im Briefkastenbereich, im Aufzugsvorraum und in der Bewohnerlounge fort und verbindet die alltäglichen Ankunftspunkte durch eine gemeinsame Materialsprache. Die wiederkehrende Oberfläche schafft Zusammenhalt ohne große dekorative Gesten.

Eine maßgefertigte Pendelleuchteninstallation aus Bronze und mundgeblasenem Glas bildet den Blickfang der Lounge. Ihre Leichtigkeit und feinen Details kontrastieren mit der Masse des Terrazzos, während Möbel aus Schwarznuss dunkle Holzmaserung im menschlichen Maßstab hinzufügen. Neutrale Polster erhalten die ruhige Atmosphäre und überlassen den skulpturaleren Architekturelementen die visuelle Betonung.

Eine Bibliothek als gemeinschaftlicher Innenraum
Im Obergeschoss blickt eine kleine Bibliothek auf die Hauptlounge. Hier wiederholt sich ein breiter Bogen als Echo der Straßenarkaden, die den Gesamtentwurf mitprägten. Die Sichtbeziehung zwischen den Ebenen lässt das gemeinschaftliche Programm als zusammenhängende Folge statt als Sammlung getrennter Räume erscheinen. Bewohner erhalten einen Aufenthaltsort, ohne das Gebäude verlassen zu müssen.

Der Materialübergang vom öffentlichen Foyer zur Bibliothek bleibt bewusst zurückhaltend. Bücher und Möbel sorgen vor dem beständigen architektonischen Rahmen für Abwechslung, sodass der Raum als gemeinschaftlicher Wohnbereich funktioniert und nicht als spektakulär inszeniertes Ausstattungsmerkmal. Seine Qualität entsteht aus Proportion, Textur und der Ausrichtung der Blicke.

Gemeinschaftsangebote mit Landschaftsbezug
Das Dach erweitert das soziale Programm durch einen Fitnessraum und bepflanzte Außenbereiche. Dazu gehören eine Teeküche, eine flexibel nutzbare Veranstaltungsfläche, kleinere Sitznischen, eine Yogaplattform und ein Bereich für Haustiere. Grün mildert die Umgebung, während Blicke zu den Yangming-Bergen reichen. So können Bewohner von einem geschützten Ort aus die weitere Landschaft im Norden Taipehs erleben.

Die Verbindung gemeinsamer Innen- und Außenräume spiegelt den umfassenderen Anspruch des Projekts: Ein zeitgenössisches Apartmenthaus kann durch informelle Begegnungsräume Nachbarschaft fördern. Statt die sorgfältigste Gestaltung allein den privaten Wohnungen vorzubehalten, investiert der Entwurf in Ankommen, Lesen, Bewegung, Zusammensein und Ausblicke als Bestandteile des Alltags.

Ein Dialog zwischen Taipehs verschiedenen Maßstäben
The Lattice verbindet den neuen Maßstab gehobener Wohnprojekte mit dem menschlichen Maßstab älterer lokaler Architektur. Diese Verbindung entsteht nicht allein durch Ornament. Außenschirme, Bogeneingang, gemeinsame Bibliothek und Dachgarten bilden aufeinander bezogene Gesten und zeigen, wie ein Gebäude einen starken zeitgenössischen Charakter besitzen und zugleich seiner konkreten Stadt Aufmerksamkeit schenken kann.

Projektinformationen und Fotografie
Projekt: The Lattice | Zhishan Residences, 200 East Dexing Road, Bezirk Shilin, Taipeh, Taiwan. Architektur und gemeinschaftliche Innenräume: Neri&Hu Design and Research Office, gegründet von Lyndon Neri und Rossana Hu. Auftraggeber: Continental Development Corporation. Fläche: 8.485 m². Projektzeitraum: August 2018–Dezember 2023; fertiggestellt im Dezember 2023. Fotografie: Studio Millspace. Die Fotografien stammen aus der offiziellen Neri&Hu-Projektgalerie, die die ausgewählten Bilder Studio Millspace zuschreibt.


























































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